Viele Unternehmen streichen Einstiegspositionen und schieben die Verantwortung auf künstliche Intelligenz. Die Zahlen geben diese Erklärung bisher nicht her. Die Entwicklung bei Einstiegsjobs lief bereits im Frühjahr 2022 auseinander. ChatGPT kam erst im November desselben Jahres.
Das ist für Unternehmen mit technischem Personalbedarf eine unbequeme Nachricht. Der Rückgang hat weniger mit einer plötzlich überlegenen Technologie zu tun. Er hängt vor allem mit der schwachen Konjunktur zusammen. Berufseinsteiger geraten in unsicheren Zeiten zuerst unter Druck, weil Unternehmen dort kurzfristig Kosten sparen.
Für HR klingt das zunächst nach einer nachvollziehbaren Entscheidung. Weniger Juniorstellen bedeuten weniger Aufwand bei Einarbeitung und Betreuung. Die Rechnung geht trotzdem oft nicht auf. Eine Einstiegsposition ist kein überflüssiger Kostenblock. Sie ist der Anfang einer Lernkurve, aus der später ein produktiver Software-Engineer, Administrator oder technischer Projektleiter entstehen kann.
In der Softwareentwicklung bleiben von zehn Einstiegsstellen nur drei
Die Entwicklung fällt besonders in der Softwareentwicklung auf. Auf zehn Einstiegsstellen aus dem Jahr 2019 kommen heute noch drei. Das ist kein kleiner Rückgang. Das ist ein massiver Eingriff in die Pipeline technischer Fachkräfte.
Bei Ausbildungsplätzen sieht das Bild anders aus. Zwischen August 2025 und Juli 2026 lagen die ausgeschriebenen Ausbildungsplätze inklusive dualem Studium im Schnitt 50 Prozent über dem Niveau von 2019. Seit 2023/24 sinkt das Angebot zwar leicht, es liegt aber weiterhin über dem Gesamtmarkt.
In 20 von 23 Berufsgruppen entwickelte sich das Ausbildungsangebot zwischen 2019 und 2025/26 besser als die Zahl der Einstiegsjobs. Auch in der Softwareentwicklung lagen Ausbildungsplätze 27 Prozent über dem Wert von 2019.
Der Unterschied liegt in der Art der Tätigkeiten. Nur 15 Prozent der Ausbildungsstellen haben ein hohes KI-Transformationspotenzial von mehr als 60 Prozent. Bei Einstiegsstellen sind es 42 Prozent. Ausbildungsberufe enthalten häufiger praktische Aufgaben in Handwerk, Gesundheit und manuellen Bereichen. Diese Tätigkeiten lassen sich schwerer vollständig automatisieren.
Automatisierung ersetzt keine Lernleiter
Genau hier liegt der Denkfehler vieler Unternehmen. Eine Aufgabe kann technisch automatisierbar sein und trotzdem einen hohen Wert für Berufseinsteiger haben. Eine Flugbuchung lässt sich ohne großen Verlust automatisieren. Andere Aufgaben wirken aus Sicht erfahrener Mitarbeiter mühsam oder simpel. Für Junioren liefern sie jedoch Erfahrungswissen, Kontext und Routine.
Diese Aufgaben bilden die Lernleiter im Unternehmen. Sie zeigen, wie Systeme tatsächlich funktionieren, wo Prozesse brechen und welche Entscheidungen im Alltag zählen. Ohne solche Schritte entsteht kein belastbarer Nachwuchs. Es entsteht eine Lücke zwischen Theorie und Verantwortung.
Für das Recruiting wird diese Lücke später teuer. Unternehmen, die heute jede Juniorstelle streichen, suchen in einigen Jahren stärker nach erfahrenen Fachkräften. Genau diese Kandidaten sind knapp, wählerisch und teuer. Gute technische Kandidaten warten nicht auf deine Stellenanzeige. Sie haben meist mehrere Optionen, bevor dein Prozess überhaupt das erste Gespräch terminiert.
Der vermeintliche Spareffekt kommt zurück
Die kurzfristige Einsparung hält nicht lange, wenn jedes Unternehmen dieselbe Entscheidung trifft. Automatisierung schafft dann keinen dauerhaften Kostenvorteil. Sie verändert lediglich die Anforderungen an die wenigen Fachkräfte, die noch im Unternehmen arbeiten.
Der Ersatz für fehlende Nachwuchskräfte kommt später oft von außen. Externe Spezialisten kosten mehr. Ihre Rekrutierung dauert länger. Zusätzlich fehlt ihnen zunächst das Wissen über interne Systeme, Kunden und Abläufe. Der finanzielle Vorteil aus gestrichenen Einstiegsstellen kann dadurch schnell verschwinden.
Für HR bedeutet das eine klare Aufgabe. Jede Einstiegsposition braucht eine Prüfung, keine pauschale Streichung. Welche Aufgaben lassen sich ohne Lernverlust automatisieren? Welche Tätigkeiten bauen Wissen auf? Welche Juniorrolle kann sich innerhalb von zwei oder drei Jahren zu einer schwer besetzbaren Expertenposition entwickeln?
Auch die Ausbildung verdient mehr Aufmerksamkeit. Ein Betrieb qualifiziert dort Menschen für den eigenen Bedarf und übernimmt sie häufig anschließend. Das schafft eine planbarere Pipeline als die Hoffnung, später auf dem offenen Markt den perfekten Software-Engineer zu finden.
Schwer zu besetzen heißt nicht unbesetzbar. Es wird aber teuer, wenn Unternehmen die ersten Schritte aus dem System entfernen und sich danach über fehlende Fachkräfte wundern. Wie sieht eure technische Lernleiter heute aus, wenn die nächste Generation nicht mehr über Einstiegspositionen in eure Teams kommt?
Wie viele eurer heutigen Tech-Experten hätten ohne ihre erste Einstiegsposition überhaupt den Weg in diese Rolle gefunden?
